Gerald Hüther | Was wir sind und was wir sein könnten

Gerald Hüther | Was wir sind und war sein könnten

Gerald Hüther | Was wir sind und was wir sein könnten

Gerald Hüther | Wer wir sind und was wir sein könnten

Ich schätze Gerald Hüther und seine Arbeit sehr. Seine Vorträge sind informativ, kurzweilig und sympathisch. Das Thema dieses Buchs ist natürlich auch für meine Arbeit so bedeutend, dass ich mich seinerzeit mit großer Vorfreude auf dieses Buch gestürzt habe.

Gerald Hüther will mit seinem Mutmacher für einen „Wechsel von einer Gesellschaft der Ressourcenausnutzung zu einer Gesellschaft der Potenzialentfaltung“ plädieren. Er zeigt, dass wir nicht Sklaven unserer Genetik sind und dass reines Erfolgsstreben nicht der Sinn des Lebens sein kann.

Ich beziehe mich hier auf die Taschenbuchausgabe mit 192 Seiten, die 2013 im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen ist.

Aufbau des Buchs

Das Buch ist in acht Abschnitte gegliedert: Einstieg, sechs Kapitel, Ausstieg.

Im Einstieg eröffnet Gerald Hüther sein Buch mit ein paar Überlegungen zu dem, was er gelingendes Leben nennt. Es geht, wie er betont, nicht um ein erfolgreiches Leben, dafür brauche man nicht viel Potenzial, sondern um die Potenzialentfaltung jedes Einzelnen, die zu einer Bereicherung für alle wird.

Im ersten Kapitel geht er dann der Frage nach, wie eigentlich ein Wir-Bewusstsein entsteht? Wie und warum identifizieren wir uns mit einer Gruppe? Ist das biologisch determiniert oder können wir ebenso gut ein umfassenderes Wir-Gefühl entwickeln, das über genetische Bande hinausgeht? Ich vermute, Sie ahnen die Antwort, aber lesen Sie das Kapitel trotzdem, es lohnt sich.

Im zweiten Kapitel geht es um die Grenzen der Genetik. (Lesen Sie hierzu unbedingt auch Bruce Lipton: Intelligente Zellen) Was macht uns aus? Die Gene allein sind es jedenfalls nicht! Er geht der Besonderheit der menschlichen Gehirnentwicklung nach und den Faktoren, die diese Entwicklung entscheidend beeinflussen. Sehr lesenswert!

Im dritten Kapitel geht er der Frage nach, was uns prägt. Welche Motivation steckt hinter unserem Verhalten? Wie und warum passen wir uns an? Wie wirkt sich Erfahrung auf die Struktur unseres Gehirns aus und welchen Einfluss haben diese neuronalen Verschaltungen auf unser gewohnheitsmäßiges Verhalten, auf unser Gefühlsleben und auf die Wahrnehmung unserer sogenannten „Identität“? Sind es unsere verinnerlichten Welt- und Menschenbilder? Und woher haben wir die überhaupt? Wenn Sie sich mit dem Klopfen auskennen, dann kommt Ihnen das alles sicherlich schon sehr vertraut vor. Aber es ist irgendwie doch schön, das alles auch noch mal wissenschaftlich untermauert zu wissen.

Im vierten Kapitel wirft er einen kritischen Blick auf unser heutiges Wettbewerbsdenken sowie den dazugehörigen Leistungs- und Konkurrenzdruck und welche Folgen das sowohl für den Einzelnen als auch für die menschliche Gemeinschaft an sich hat. Wäre wünschenswert, wenn das auch bei dem einen oder anderen Sozialdarwinisten ankäme.

Im fünften Kapitel geht er der Frage nach, was eigentlich (intrinsische) Begeisterung und Spiegelneurone mit unserer (Gehirn-)Entwicklung zu tun haben. Er zeigt, wie und warum Vorbilder funktionieren und was es mit Eseltreibern und Rattenfängern auf sich hat.

Im sechsten Kapitel geht es um das Thema Angst. Was wäre eigentlich möglich, wenn wir uns von der Angst nicht so geißeln ließen?

Er reißt ein paar „Visionen“ an, wie wir als Menschen freier, gesünder, zufriedener, kreativer, gelassener, verbundener und umsichtiger leben könnten, ohne Angst und Druck, und regt uns an, Potenzialentfalter zu werden sowie Arbeit und Erwachsensein anders zu definieren.

Im Ausstieg erinnert er uns noch einmal daran, dass es in der Wissenschaft, vor allem auch in der Neurowissenschaft so etwas wie Objektivität nicht gibt. Immer beeinflusst das Untersuchungssubjekt mit seinen persönlichen Erfahrungen und seinem Weltbild das Ergebnis, genauso im Übrigen wie diejenigen Personen, die eine Untersuchung durchführen. Er betont ferner, dass unser Gehirn und damit wir selbst niemals objektiv untersuchbar sind, denn wir sind nun einmal durch soziokulturelle und Umwelteinflüsse sowie durch unsere individuellen Erfahrungen geprägt. Hier stößt also die klassische Naturwissenschaft mit ihren oft monokausalen Denkmustern nach wie vor an ihre Grenzen.

Kritik

Die Informationen auf diesen 192 Seiten sind dicht gedrängt. Das Buch ist keine leichte Unterhaltungslektüre, liefert aber hochspannendes Material, das man unbedingt lesen sollte, in Ruhe, gern auch ein zweites Mal!

Für ein angenehmeres Leseerlebnis hätte ich mir ein etwas großzügiger gestaltetes Layout gewünscht, mehr Absätze, vielleicht ein paar zusammenfassende Kernsätze und auch Grafiken zur Veranschaulichung. Diese Kritik bezieht sich auf die Taschenbuchausgabe. Die Hardcover-Version hat über 50 Seiten mehr bei gleichem Inhalt. Vielleicht ist da ja die Gestaltung etwas leserfreundlicher.

Vermisst habe ich auch Fußnoten und ein Literaturverzeichnis, welches meiner Meinung nach für ein solches Sachbuch ein Muss ist. Ich liebe es, mich von einem Buch zum Lesen weiterführender Literatur oder zum intensiveren Nachforschen animieren zu lassen und ich baue mir gern zu bestimmten Themen so etwas wie eine Literaturlandkarte, in der dann oft auch andere Themen auftauchen, und die Vernetzung immer dichter wird.

Da all dies fehlt, ist dies auf der anderen Seite wiederum ein Buch, das man sich auch sehr gut und ohne Abstriche als Hörbuch zu Gemüte führen kann.

Wenn man mal von dem recht schlampigen Lektorat absieht (für das der Autor ja nichts kann und das im Audioformat auch nicht hörbar ist), ist dieses Buch eine klare Lese- beziehungsweise Hörempfehlung von mir.

Ich wünsche Ihnen spannende Einblicke in die Welt der Neurobiologie!

 

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