Mythen zum Thema Prüfungsangst

Mythen zum Thema Prüfungsangst

Märchenstunde

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Es ist ein sonniger Tag, draußen zwitschern die Vögel und durch ein halb geöffnetes Fenster dringt der Duft des Frühlings. Im Prüfungsraum sitzen dreißig Personen konzentriert über ihre Aufgaben gebeugt, und wenn man genau hinsieht, kann man sehen, wie die Köpfe rauchen. Wenn man genau hinsieht, sieht man aber auch, dass hier jeder Dritte, wenn nicht sogar jede Zweite recht grün um die Nase ist und eine Angst verspürt wie selten im Leben: Prüfungsangst.

Die meisten Prüflinge, die dort sitzen, haben in ihrem Leben wahrscheinlich schon sehr viel gefährlichere Situationen gemeistert mit wesentlich weniger Angst. Es handelt sich hier also mit hoher Wahrscheinlich um keine lebensbedrohliche Situation, auch wenn es sich für die Betroffenen leider so anfühlt.

Worum geht es bei Prüfungsangst wirklich?

Prüfungsangst gehört zu den sogenannten sozialen Ängsten, womit auch schon klar ist, dass es bei Prüfungsangst – anders als viele glauben – weniger um den Inhalt der Prüfung geht, als vielmehr um den sozialen Kontext. Prüfungsangst wird deswegen (vielleicht ein bisschen treffender) als Bewertungs- oder Leistungsangst beschrieben.

Bei Prüfungsangst dreht es sich nicht nur um die Angst vor den negativen Konsequenzen, die eine verpatzte Prüfung nach sich ziehen kann, sondern auch um die Angst vor der öffentlichen Blamage und einer eventuellen sozialen Ächtung. (Wenn man bedenkt, dass der Rausschmiss aus dem sozialen Verband zumindest in früheren Zeiten quasi einem Todesurteil gleichkam, ist dieser Teil der Angst sehr verständlich.)

Diese Leistungsangst können wir natürlich noch in ganz vielen anderen Situationen erleben, in denen wir „Leistung bringen“ müssen, nicht nur in klassischen Prüfungen. Das kann sich um Situationen aus dem Berufsleben handeln, ein Vorstellungsgespräch zum Beispiel, aber natürlich auch um intimere Situationen wie ein erstes Date oder den ersten Sex mit einer anderen Person.

NICHT den Kopf in den Sand stecken!

Deswegen ist es auch so wichtig, sich von seiner Prüfungsangst aktiv zu befreien und nicht einfach den Kopf in den Sand zu stecken. Prüfungsangst überwindet man in der Regel nicht dadurch, dass man sie ignoriert, sondern indem man sich ihr stellt. Allein der Gedanke daran verursacht aber bei vielen so viel Angst, dass sie sich lieber vor der Angst, so lang es eben geht, drücken. Das sich die Betroffenen damit ihr Leben unnötig (!) schwer machen, liegt auf der Hand. Prüfungsangst ist behandelbar. Sie ist kein unabwendbares Schicksal. Mit welchen Methoden Prüfungsangst unter anderem behandelt wird, werde ich hier in einem späteren Post erklären. Kleiner Spoiler schon mal vorweg: Für mich ist und bleibt die Klopftherapie meine absolute Favoritin, wenn es um Prüfungsangst geht. Aber gut, ich bin hier zugegebenermaßen vielleicht ein kleines bisschen befangen. :-D

Ebenfalls an anderer Stelle werde ich darauf eingehen, warum überhaupt so viele Menschen (jeder Dritte bzw. jede Zweite, wie oben bereits erwähnt) Prüfungsangst entwickeln, eine Angst, die den Körper in einen Ausnahmezustand versetzt und große Teile des Gehirns irgendwie lahmzulegen scheint.

Heute will ich erst einmal ein paar der geläufigen Mythen rund um das Thema Prüfungsangst unter die Lupe nehmen, die gern dafür herhalten müssen, dass viele Prüfungsangst als etwas darstellen, mit dem man eben leben muss. Auch hier ein kleiner Spoiler vorweg: MUSS MAN NICHT!!!

Mythos Nr. 1: Prüfungsangst ist doch etwas ganz Wunderbares!?

Ja, tatsächlich, das ist Originalton. Erstaunlich viele Menschen preisen die Prüfungsangst als etwas derart Positives, dass man glauben könnte, man müsste sie unbedingt erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe.

Da hört man, die Prüfungsangst habe den einen zu einem besseren Menschen gemacht, und die andere ist fest davon überzeugt, dass sie es nur dank ihrer Prüfungsangst durch die Prüfung geschafft hat. Wieder ein anderer schwärmt, dass seine Prüfungsangst ihm überhaupt erst gezeigt habe, wie wichtig ihm diese Prüfung war. Kommt Ihnen das nicht auch ein bisschen sehr bemüht vor? Kann das denn wirklich sein oder wird hier einfach nur versucht, etwas schönzureden?

Schönrederei

Meiner Meinung nach ist das ein klassischer Fall von Schönrederei, der mir vor allem bei Therapeuten und Coaches auffällt, die versuchen, die Prüfungsangst zu „reframen“, wie man im Fachjargon so schön sagt.

Das Reframing ist an sich eine sehr wertvolle und wirkungsvolle therapeutische Technik, mit der man durch Uminterpretation einer Situation oder eines Kontextes diese in einem ganz anderen Licht sehen kann. Das ist wirklich sehr hilfreich, sofern richtig und vor allem zum richtigen Zeitpunkt angewendet und sofern es sich um eine Situation handelt, die durch aktives Tun nicht geändert werden kann.

Die Reframingversuche, die ich oben als Beispiele angeführt habe, schießen dabei eindeutig übers Ziel hinaus und ignorieren den Kern der Sache: Wir sind Prüfungsangst nicht hilflos ausgeliefert. Sie ist behandelbar.

Ich weiß ja, dass die meisten es gut meinen, wenn sie versuchen, diese Angst schönzureden. Sie wollen sich und anderen Betroffen damit wahrscheinlich helfen, sich nicht ganz so schlecht mit ihrer Angst zu fühlen.

Dieses falsch verstandene positive Denken ist meiner Meinung nach jedoch kontraproduktiv. Menschen mit Prüfungsangst sind nicht doof. Man kann nicht einfach ein bisschen Zuckerguss auf ihre Angst klatschen und sie (die Angst) damit zum Verschwinden bringen.

Positives Denken bedeutet nicht, sich eine negative Erfahrung auf Biegen und Brechen schönzureden. Positives Denken bedeutet vielmehr, eine missliche Lage zu erkennen und trotzdem in sich die Gewissheit zu haben, auch mit den widrigsten Lebensumständen fertigzuwerden. Diese Kraft und diese Resilienz entwickle ich aber nicht, wenn ich alles Negative ausblende und mein Leben zwanghaft durch eine rosarote Brille betrachte.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Klopfarbeit ist Ehrlichkeit. Erst wenn wir die Dinge beim Namen nennen und so nehmen, wie sie eben gerade sind, haben wir die Chance, unsere innere Haltung zum Besseren zu verändern. Deswegen hören wir doch einfach mal auf, dieser Angst krampfhaft etwas Positives abgewinnen zu wollen. Das glaubt doch sowieso keiner, der diese Angst jemals erlebt hat. Sagen wir es doch einfach, wie es ist: Prüfungsangst ist scheiße! An dieser Angst ist nichts toll. Sie gibt einem das (fälschliche) Gefühl, klein, mickrig und hilflos zu sein, und sie ist ein unnötiger Klotz am Bein!

Ah, was für eine Erleichterung, das endlich mal aussprechen zu dürfen, oder?

Jetzt sind wir an einem ehrlichen Punkt und jetzt können wir mit einer fruchtbaren Klopfarbeit anfangen.

Aber vorher wollen wir noch mit ein paar weiteren beliebten Mythen abrechnen:

Mythen zum Thema Prüfungsangst | Teil 2